Zu Lévinas
Das Mehr-Denken des Unendlichen


Teil


Nachdem ich all dies überdacht hatte – ausgehend von jener Irritation, jenem Einbruch in meiner Lektüre von Totalität und Unendlichkeit bei dem Versuch, Ihnen darzustellen, was ich hier darstellen will –, kehrte ich zu meiner prinzipientheoretischen Überlegung zurück: "Warum", so ging es mir durch den Kopf, "warum in aller Welt bin ich veranlasst, motiviert, ja vielleicht sogar gezwungen, dieses eigentümliche Unendliche oder gar, wie Lévinas es mir zumutet, die Idee des Unendlichen zu denken? Und wie soll ich es überhaupt denken, wenn ich doch schon Mühe habe, nur das Endliche zu denken, all das zu übersehen, all das in einen Begriff zusammenzunehmen (wenn auch nur implizit und in abstracto), das ich "das Endliche" nenne?" – Und dann, genauso plötzlich, wie mir – im Rückfall zum Endlichen – das Motiv für das Denken des Unendlichen entschwand, wurde mir deutlich, dass die Zumutung, die im Begriff des Unendlichen liegt, gerade damit zu tun hat, dass eben bei ihm ein solches "Übersehen" oder "Zusammensehen" gar nicht erforderlich ist, ja gar nicht gefragt ist, sondern offenbar – und ich betone das jetzt besonders – etwas Anderes, etwas, das zum Endlichen, wider allem Anschein, eben nicht kompatibel ist, und Anderes, das noch nicht einmal dessen Gegenbegriff, dessen binaristisches Pendant ist. – Das Unendliche zu denken, anders und Anderes als das Endliche, macht also in diesem Sinne keine Mühe, aber eben das macht es ja auch unmöglich, es zu denken, denn es fällt – als das Unmögliche, ganz einfach – nicht in die "Arbeit des Begriffs".

"Alle Begrifflichkeit", so dachte ich weiter, "hat sie hier ein Ende? Ist das Unendliche das Unbegriffliche, das Unbegreifbare?" Ich dachte wieder an Hegel und an seinen Satz, dass das, was das Unaussprechliche genannt wird, nichts anderes sei als das Unwahre, Unvernünftige, und bloß Gemeinte und ermahnte mich sogleich, hier noch etwas genauer zu sein: "Ist denn das Unbegreifliche auch das Unaussprechliche?", fragte ich mich. Wir sind in der Tat nicht gezwungen, nicht einmal als Philosophen, immer begrifflich zu sprechen; und wir sind auch noch nicht einmal dazu angehalten, – auch dies eine "Anstrengung", wie es bei Adorno heißt – "über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen". Denn nur in einer ihrerseits binaristischen Konzeption (des Verhältnisses von Kunst und Philosophie, Bild und Begriff z.B.) stellt sich eine derart strikte Alternative, der man sich – nach der poststrukturalistischen Kritik der humanwissenschaftlichen Strukturen – durchaus nicht beugen muss. Aber man weiß auf der anderen Seite auch nicht, was und wie denn jenseits des Binarismus oder im Zwischen der binaristischen Oppositionen Anderes anders gesagt und gedacht werden kann. Und man weiß es zumal nicht bei Lévinas; denn einerseits soll das "es gibt" des Seins ein Ereignis markieren, das weder Sein noch Nichts ist, aber andererseits – ich vergleiche hier den frühen mit dem späten Lévinas – soll auch das Anders-als-sein das Jenseits-des-Seins-und-des-Nichtseins bedeuten, es soll, wie Lévinas sagt, eine Differenz bedeuten gegenüber dem Paar Sein und Nichts. Das "es gibt" und das "Anders-als-sein" besetzen hier also denselben jenseitigen Ort, obwohl sie als solche wiederum in einer der binaristischen Opposition von Sein und Nichts ähnlichen Opposition verharren: denn das Anders-als-sein (das dem Nichts ähnelt) soll gerade das Andere des "es gibt" sein (das dem Sein ähnelt), und zwar ohne dass wir wüssten, wie wir nun beider Beziehung – ebenfalls eine Andersheitsbeziehung – zu denken hätten.

Aber so soll auch das Unendliche mehr als das Unendliche sein, ein Unendliches jenseits des Binarismus von Endlichem und Unendlichem. So wie auch das Denken des Unendlichen, das mehr denkt als es denkt, mehr sein muss als bloßes Denken, Anderes als Denken oder – zumindest dies – ein anderes Denken, ein nichtbegriffliches Denken. Ein Denken, das aber, aufgrund des Binarismus von Wissenschaft und Kunst, auch nicht einfach Kunst sein kann, sondern – ich habe die Probleme einer theologischen Deutung soeben erörtert – Philosophie sein muss, und zwar eine intensionale Philosophie. Das heißt: Dieses Denken des Unendlichen muss eine intensio, anderes und mehr als eine intentio, eine Intensität haben – Lévinas spricht von einem beflügelten oder auch einem deliranten Denken, ohne dass er dabei irgendeinen Irrationalismus im Sinn hätte – es muss eine Intensität haben, das es den Boden begriffener und begrifflicher Bedeutung durchschlagen, es sich in einem Jenseits von Signifikant und Signifikat ansiedeln lässt, ohne dass es dabei aber einfach "das Unsagbare" wäre. Denn ich spreche ja, hier und jetzt, vom Unendlichen, z.B. als "Idee", und bezeichne es sogar, nämlich als "das Unendliche"; aber im Begriffenhaben des Unendlichen als Unendlichem gehe ich offenbar seiner – als dem, was ich denke – verlustig und im Gedachthaben des Unendlichen als Idee wiederum als dem, was ich begreife.

Ich begreife also nicht, was ich denke, also denke ich offenbar mehr als ich begreife – genau das ist es, was ich Ihnen hier zunächst als eine Lösung für das Problem des Mehr-Denkens vorschlagen möchte, als ein Resümee dessen, dass Sie hier etwas vor sich – oder auch schon hinter sich – haben, das sich aller Thematisierung und Objektivierung entzieht. "Denn man kann nicht behaupten", so Lévinas, "diese Idee sei selbst das Resultat einer Thematisierung oder Objektivierung, ohne sie auf die Anwesenheit des Anderen im Selben zu reduzieren." Indem Sie das Unendliche thematisieren oder objektivieren (was Sie gar nicht ausschließen können), haben Sie es als das Andere des Selben, indem Sie es auf das Andere im Selben reduzierten, schon verloren. So erfahren Sie einen Verlust, dem Sie, sich erinnernd und antizipierend, nachhängen, aber dem Sie wiederum auch nur so nachhängen können, dass Sie dem Unendlichen geradewegs nach-denken, um es im Gedachthaben erneut als ein Mehr zu erfahren, dem Sie erneut nach-denken müssen usw. usf. So ähnelt das Denken des Unendlichen diesem, seinem intensionalen Gehalt, – indem es ihm nachhängt – in einer, wie Hegel sagen würde, schlechten Unendlichkeit. Sie sind – wir könnten es so sagen – dem Unendlichen auf seine unendliche Spur gekommen ...